ADHS betrifft nie nur das diagnostizierte Kind. Es betrifft die gesamte Familie, und ganz besonders die Geschwister.

Die Rolle der Geschwister

Geschwister von ADHS-betroffenen Kindern erleben den Alltag oft als ungleich verteilt. Sie beobachten, dass das Kind mit ADHS mehr Aufmerksamkeit bekommt – sei es durch Konflikte, durch therapeutische Termine, durch schulische Krisengespräche oder durch den schlichten Umstand, dass Kinder mit ADHS mehr Begleitung im Alltag brauchen. Diese Beobachtung ist in der Regel korrekt, und sie kann bei Geschwistern zu Gefühlen führen, die schwer einzuordnen sind: Eifersucht, Wut, Traurigkeit, aber auch Schuldgefühle, weil sie wütend sind auf jemanden, der «nichts dafür kann».

Manche Geschwister reagieren, indem sie besonders angepasst werden – sie wollen kein zusätzliches Problem sein und unterdrücken eigene Bedürfnisse. Andere reagieren mit eigenem auffälligem Verhalten, um ebenfalls Aufmerksamkeit zu bekommen. Beides sind nachvollziehbare Strategien, und beide verdienen Beachtung.

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Was Eltern tun können

Zunächst: Das Thema nicht tabuisieren. Geschwister dürfen wissen, was ADHS ist, in altersgerechter Sprache. Sie dürfen auch wissen, warum das betroffene Kind manchmal andere Regeln oder mehr Unterstützung bekommt. Transparenz ist hier kein Risiko, sondern eine Voraussetzung für Verständnis. Wenn ein Siebenjähriger versteht, dass sein Bruder nicht absichtlich ständig stört, sondern dass sein Gehirn anders funktioniert, kann aus Ärger Mitgefühl werden – nicht immer, aber öfter.

Ebenso wichtig: gezielte Eins-zu-eins-Zeit mit jedem Kind. Es muss kein grosses Event sein. Eine halbe Stunde, in der du nur für das Geschwisterkind da bist, ohne dass das ADHS-Thema präsent ist, kann viel bewirken. Das Kind erlebt: Ich bin auch wichtig. Ich werde auch gesehen.

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Wenn sich Geschwister dauerhaft zurückziehen, anhaltend traurig wirken oder anfangen, stark negativ über sich selbst zu sprechen, kann es sinnvoll sein, professionelle Unterstützung zu suchen. Geschwister von chronisch kranken oder neurodivergenten Kindern gehören zu einer Gruppe, deren emotionale Bedürfnisse leicht übersehen werden – und die genau deshalb besondere Beachtung verdienen.

Herzlich, deine Marianne