Forschung zeigt, dass Kinder mit ADHS bis zum Alter von zwölf Jahren etwa 20.000 mehr negative Rückmeldungen erhalten haben als ihre neurotypischen Gleichaltrigen. «Konzentrier dich!» «Warum vergisst du immer alles?» «Du könntest, wenn du nur wolltest.» «Streng dich mehr an.» Jede einzelne Botschaft für sich ist harmlos. In der Summe formen sie ein Selbstbild, das von Unzulänglichkeit geprägt ist.

attachment

Die Folgen

45 bis 47 Prozent der Kinder mit ADHS zeigen Selbstwertprobleme, die in den pathologischen Bereich fallen. Das Gefühl, grundsätzlich «falsch» zu sein, begleitet viele ADHS-Betroffene bis ins Erwachsenenalter. Es zeigt sich in übermässiger Entschuldigung, Vermeidung von Herausforderungen, People-Pleasing und dem permanenten Gefühl, nicht zu genügen.

Was die innere Stimme verändert

Spezifisches, prozessbezogenes Lob statt pauschaler Bewertungen: «Du hast bei dieser Aufgabe sehr sorgfältig gearbeitet» statt «Du bist ein tolles Kind.» Stärkenorientierung: Was kann dieses Kind gut? Wo liegt sein Interesse, sein Talent, seine besondere Fähigkeit? Fehlertoleranz vorleben: Zeigen, dass Scheitern zum Lernen gehört und kein Beweis für Unwert ist.

Und für dich als Elternteil: Sag deinem Kind regelmässig, dass seine ADHS nichts ist, wofür es sich schämen muss. Sag ihm, was du an ihm bewunderst. Sag ihm, dass es genug ist – nicht trotz, sondern mit allem, was dazu gehört.

Neue Fragen stellen

Klassische Erziehungs- und Therapiemethoden setzen häufig am Defizit an: Was läuft falsch? Was muss korrigiert werden? Für neurodivergente Kinder verstärkt diese Herangehensweise genau jenes Gefühl, das ohnehin schon überwiegt – «mit mir stimmt etwas nicht.» Lösungsorientierte Ansätze drehen die Perspektive um: «Was funktioniert bereits? Was sind deine Stärken? Was war anders, als es mal gut lief?» Gerade bei ADHS ist dieser Wechsel entscheidend.

Das Beste im Kind erkennen

Neurodivergente Kinder verfügen häufig über besondere Ressourcen: Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, unkonventionelles Denken, Ausdauer bei Themen, die sie interessieren. Werden diese Stärken erkannt und gezielt gefördert, stärkt das nicht nur den Lernerfolg, sondern auch die Resilienz gegenüber Rückschlägen. Lösungsorientiertes Arbeiten bedeutet in der Praxis: Nicht das Kind an das System anpassen, sondern herausfinden, welche Bedingungen dieses Kind braucht, um zu zeigen, was in ihm steckt.

Ein Coach oder eine Begleitperson, die so arbeitet, fragt nicht «Warum hast du das schon wieder vergessen?», sondern «Was hat dir letztes Mal geholfen, daran zu denken?» Dieser Unterschied klingt klein – doch für ein Kind, das tausende Male gehört hat, was es falsch macht, ist er alles.

_IMG_8276.jpeg

Herzlich, deine Marianne