Lange galt das Verhältnis: Auf ein autistisches Mädchen kommen vier autistische Jungen. Neuere Forschung stellt diese Zahl in Frage. Das tatsächliche Verhältnis liegt vermutlich näher bei zwei bis drei zu eins, und einige Forschende gehen davon aus, dass es sogar ausgeglichen sein könnte.

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Warum Mädchen übersehen werden

Die diagnostischen Kriterien für Autismus basieren historisch auf Studien mit überwiegend männlichen Teilnehmern. Die Symptome, nach denen gesucht wird – auffällige Spezialinteressen an Objekten, externalisierendes Verhalten, wenig soziale Motivation – sind typisch für autistische Jungen, aber weniger typisch für autistische Mädchen.

Autistische Mädchen zeigen oft andere Merkmale: höhere soziale Motivation, bessere Fähigkeit zur Nachahmung sozialer Gesten, Spezialinteressen, die sich eher auf Tiere, Personen oder soziale Themen beziehen. Ihre Schwierigkeiten liegen häufiger im Inneren – Ängste, Erschöpfung, Essstörungen, Depressionen – und werden deshalb nicht als Autismus erkannt.

Camouflaging – die unsichtbare Anpassung

Autistische Mädchen und Frauen passen sich oft so geschickt an, dass ihre Schwierigkeiten unsichtbar bleiben – ein Phänomen, das als «Camouflaging» beschrieben wird. Gesellschaftliche Rollenbilder tun ihr Übriges: Ein stilles, zurückgezogenes Mädchen wird als schüchtern wahrgenommen, nicht als potenziell autistisch.

Eine Studie fand bei 23 Prozent der jungen Frauen in Anorexie-Behandlung unerkannten Autismus. Viele autistische Frauen erhalten jahrelang Fehldiagnosen – Angststörung, Zwangsstörung, Depression, Borderline – bevor Autismus überhaupt in Betracht gezogen wird.

Was sich ändern muss

Für uns heisst das: Wenn ein Mädchen still, angepasst und unauffällig ist, aber zunehmend erschöpft wirkt, soziale Situationen meidet oder zu Hause zusammenbricht, sollte Autismus als mögliche Erklärung nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Und für die Diagnostik heisst es: Es braucht geschlechtssensible Instrumente und Fachleute, die den weiblichen autistischen Phänotyp kennen.

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Herzlich, deine Marianne