

Selbständig als ADHS-Coach
Vom ersten Klienten bis zur vollen Praxis: Was du wissen musst
Selbständig als ADHS-Coach
Vom ersten Klienten bis zur vollen Praxis
ADHS ist in den letzten Jahren vom Randthema zum gesellschaftlichen Gesprächsstoff geworden. Plötzlich reden alle darüber – auf Social Media, in Podcasts, am Küchentisch. Erwachsene lassen sich mit 35, 45 oder 55 Jahren erstmals diagnostizieren und verstehen zum ersten Mal, warum ihr Leben sich immer «anders» angefühlt hat. Eltern erkennen in der Diagnose ihres Kindes plötzlich sich selbst. Lehrpersonen merken, dass die Werkzeuge, die sie in der Ausbildung gelernt haben, bei einem Viertel der Klasse nicht greifen.
Diese Entwicklung ist grundsätzlich wunderbar – denn jahrzehntelang wurde ADHS ignoriert, bagatellisiert oder auf «der zappelt halt» reduziert. Aber sie hat auch eine Kehrseite: Die Nachfrage nach kompetenter Begleitung explodiert, während das Angebot nicht mithält. Betroffene warten Monate auf einen Termin. Familien fühlen sich alleingelassen. Und viele, die helfen möchten, wissen schlicht nicht, wo und wie sie anfangen sollen.
Wenn du zu den Menschen gehörst, die nicht nur zuschauen wollen – sondern etwas tun möchten – dann ist dieser Leitfaden für dich. Er gibt dir einen ehrlichen, ungeschönten Überblick darüber, was die Tätigkeit als ADHS-Coach bedeutet. Was du verdienen kannst, welche Voraussetzungen du mitbringen solltest, wie der Markt aussieht und welche Schritte dich vom Interesse zur Praxis bringen. Mit konkreten Zahlen und Erfahrungswerten aus 17 Jahren Arbeit mit neurodivergenten Menschen.
Viel Spass beim Lesen ♥️

Braucht die Schweiz überhaupt ADHS-Coaches?
Die kurze Antwort: Ja. Und zwar dringend. In der Schweiz sind schätzungsweise 5–7% aller Kinder und Jugendlichen von ADHS betroffen, bei Erwachsenen geht man von 1–4% aus. Mindestens 70% der betroffenen Kinder haben mindestens eine Komorbidität – also eine zusätzliche Belastung wie Angststörungen, Depression oder Lernschwierigkeiten. Die Wartezeiten für eine ADHS-Abklärung betragen in vielen Kantonen mehrere Monate, manchmal über ein Jahr.
Gleichzeitig gibt es einen grossen Mangel an Fachpersonen, die ADHS-Betroffene nicht nur diagnostizieren, sondern im Alltag begleiten können. Psychiater und Psychotherapeuten sind überlastet und haben oft keine Kapazitäten für die engmaschige, alltagsnahe Begleitung, die ADHS-Betroffene und ihre Familien brauchen. Genau hier setzt ADHS-Coaching an: Es schliesst die Lücke zwischen Diagnose und Alltag, zwischen Medikation und konkreter Umsetzung im Leben.
Die Nachfrage nach qualifiziertem ADHS-Coaching wächst stetig – befeuert durch eine zunehmende gesellschaftliche Sensibilisierung, eine höhere Diagnoserate bei Erwachsenen und den wachsenden Wunsch vieler Betroffener nach Begleitung, die über die klassische Therapie hinausgeht. Wer sich heute als ADHS-Coach positioniert, betritt keinen übersättigten Markt – sondern einen, der gerade erst entsteht.

Welche Rechtsform passt zu dir?
In der Schweiz starten die meisten Coaches als Einzelfirma (Einzelunternehmen). Das ist der einfachste und günstigste Weg: Kein Mindestkapital erforderlich, die Gründungskosten liegen bei rund CHF 250–400, und der Verwaltungsaufwand ist minimal. Du meldest dich bei der kantonalen Ausgleichskasse als Selbständigerwerbende an, und sobald dein Jahresumsatz CHF 100'000 übersteigt, trägst du dich ins Handelsregister ein.
Falls du von Anfang an mit Partnern arbeiten möchtest oder dein persönliches Vermögen klar vom Geschäft trennen willst, kann eine GmbH sinnvoll sein. Das Stammkapital beträgt CHF 20'000, die Gründungskosten liegen bei rund CHF 1'000–3'000 (inklusive Notar und Handelsregistergebühren). Der Vorteil: Du haftest nur mit dem Geschäftsvermögen, nicht mit deinem Privaten. Ausserdem wirkt eine GmbH auf manche Klienten und Kooperationspartner professioneller.
Unsere Empfehlung für den Start: Beginne mit einer Einzelfirma. Das hält die Kosten niedrig und den Aufwand gering. Wenn dein Business wächst und du regelmässig über CHF 100'000 Umsatz machst oder Mitarbeitende anstellen möchtest, kannst du später immer noch in eine GmbH umwandeln.
Welche Versicherungen brauchst du?
Als Selbständigerwerbende in der Schweiz bist du obligatorisch bei der AHV/IV/EO versichert. Die Anmeldung bei der kantonalen Ausgleichskasse ist Pflicht – innerhalb von drei Monaten nach Aufnahme deiner Tätigkeit. Die Beiträge betragen rund 10% deines Einkommens, mindestens CHF 514 pro Jahr.
Empfehlenswert sind ausserdem:
• Berufshaftpflichtversicherung: Schützt dich bei Schadenersatzforderungen im Zusammenhang mit deiner Coaching-Tätigkeit. Die Prämien für Coaches liegen bei rund CHF 300–600 pro Jahr – eine kleine Investition für grossen Schutz.
• Krankentaggeldversicherung: Als Selbständige hast du keinen Lohnfortzahlungsanspruch bei Krankheit. Ohne Krankentaggeld stehst du bei einem längeren Ausfall ohne Einkommen da.
• BVG (Pensionskasse): Für Selbständige freiwillig, aber dringend empfehlenswert. Ohne BVG hast du im Alter nur die AHV-Rente – und die reicht in der Regel nicht.
• Rechtsschutzversicherung: Optional, aber sinnvoll, falls es jemals zu juristischen Auseinandersetzungen kommt.

Was darfst du verlangen? Preisgestaltung ohne schlechtes Gewissen
Die Preisfrage ist für viele angehende ADHS-Coaches die emotionalste. Du arbeitest mit Menschen, denen es oft nicht gut geht. Menschen, die schon viel Geld für Therapien, Abklärungen und Nachhilfe ausgegeben haben. Da fühlt es sich falsch an, auch noch Geld zu verlangen. Aber: Du bist eine Fachperson mit einer fundierten Ausbildung. Und wenn du nicht von deiner Arbeit leben kannst, wirst du sie nicht lange machen – und dann hat niemand etwas davon.
Die üblichen Stundensätze für ADHS-Coaching in der Schweiz liegen zwischen CHF 120 und CHF 180 pro Stunde, je nach Region, Erfahrung und Zielgruppe. Manche Coaches arbeiten mit 60-Minuten-Sitzungen, andere mit 90 Minuten. Einige bieten Pakete an (z.B. 6 Sitzungen zum vergünstigten Paketpreis), andere arbeiten ausschliesslich mit Einzelsitzungen.
Finanzierungswege für deine Klienten:
• Invalidenversicherung (IV): ADHS ist als Geburtsgebrechen 404 (Gg 404) anerkannt. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die IV Coaching-Leistungen finanzieren – besonders bei Kindern und Jugendlichen. Die Anmeldung muss idealerweise vor dem 9. Geburtstag erfolgt sein.
• Selbstzahler: Der häufigste Weg. Viele Klienten zahlen das Coaching aus der eigenen Tasche. Hier helfen transparente Preise und die Möglichkeit, in Raten zu zahlen.
• Arbeitgeber: Einige Arbeitgeber übernehmen Coaching-Kosten im Rahmen der beruflichen Eingliederung oder als Teil der betrieblichen Gesundheitsförderung.
• Zusatzversicherung: Manche Krankenkassen-Zusatzversicherungen beteiligen sich an Coaching-Kosten, wenn der Coach bei einem anerkannten Verband registriert ist. Das ist allerdings von Kasse zu Kasse unterschiedlich.
Brauchst du einen Praxisraum?
Nein – nicht zwingend. Viele ADHS-Coaches arbeiten erfolgreich von zu Hause aus, nutzen Co-Working-Spaces oder mieten sich tageweise bei einer befreundeten Praxis ein. Online-Coaching über Zoom oder Teams ist seit der Pandemie vollständig akzeptiert und wird von vielen Klienten sogar bevorzugt – gerade ADHS-betroffene Erwachsene schätzen es, keine Anfahrt organisieren zu müssen.
Wenn du dich für einen eigenen Praxisraum entscheidest, achte auf: eine ruhige Lage (wenig Durchgangsverkehr und Lärm), gute Erreichbarkeit mit ÖV, ein Wartezimmer oder zumindest einen Wartebereich, und eine angenehme Atmosphäre. Für Kinder-Coaching braucht es etwas mehr Platz und gegebenenfalls Spielmaterial. Rechne mit CHF 500–1'500 pro Monat, je nach Region und Grösse.

Wie kommst du an deine ersten Klienten?
Das ist die Frage, die alle beschäftigt. Und die ehrliche Antwort ist: Die ersten Klienten kommen fast nie über eine Website oder Social Media. Sie kommen über persönliche Kontakte, Empfehlungen und Netzwerke. Deshalb ist der wichtigste Schritt, den du tun kannst: Erzähl den Menschen in deinem Umfeld, was du tust.
Konkrete Strategien für den Start:
• Informiere dein persönliches Netzwerk. Familie, Freunde, ehemalige Kolleginnen, Nachbarn. Nicht als Verkaufsgespräch, sondern als Information: «Ich habe mich als ADHS-Coach selbständig gemacht und suche erste Klienten. Falls du jemanden kennst, der Unterstützung braucht – ich biete ein kostenloses Erstgespräch an.»
• Kontaktiere Kinderärzte, Hausärzte und Therapeuten in deiner Region. Stell dich persönlich vor, bring eine Visitenkarte mit und erkläre kurz, was ADHS-Coaching ist und wie es sich von Therapie unterscheidet. Ärzte suchen händeringend nach Fachpersonen, an die sie ihre ADHS-Patienten weitervermitteln können.
• Wende dich an Schulen und Schulsozialarbeit. Biete einen kostenlosen Informationsabend für Eltern an: «ADHS im Schulalltag – was Eltern wissen sollten.» Das positioniert dich als Expertin und bringt erste Kontakte.
• Trete ADHS-Selbsthilfegruppen bei. Wir bei der Praxis für Lösungs-Impulse bieten regelmässig geführte Gesprächsrunden mit Betroffenen an. Dort vernetzt du dich mit Betroffenen und Fachpersonen.
• Biete kostenlose Erstgespräche an. 20–30 Minuten per Zoom oder Telefon, um die Situation zu besprechen und zu schauen, ob eine Zusammenarbeit passt. Das senkt die Hemmschwelle enorm.
Online-Sichtbarkeit aufbauen – aber richtig
Eine einfache, professionelle Website ist wichtig – aber sie muss nicht perfekt sein. Was sie braucht: Wer du bist, was du anbietest, für wen du arbeitest, was es kostet, und wie man dich erreicht. Mehr nicht. Kein Blog mit 50 Artikeln am Anfang, keine aufwendige Videoproduktion. Eine klare Seite mit einem Buchungslink für das Erstgespräch reicht aus.
Social Media kann hilfreich sein, muss aber nicht. Wenn du gerne schreibst oder Videos machst, ist Instagram oder LinkedIn ein guter Kanal, um deine Expertise zu zeigen. Wenn nicht, lass es. Deine Energie ist dann besser in persönlichen Kontakten investiert als in Posts, die dir keinen Spass machen. Ein Google Business Eintrag hingegen ist ein Muss – damit findest du dich, wenn jemand «ADHS Coach» und deine Region googelt.

Nebenberuflich starten – der sicherste Weg
Du musst nicht kündigen, um anzufangen. Die meisten erfolgreichen ADHS-Coaches haben nebenberuflich gestartet – mit 2–3 Klienten pro Woche, neben dem regulären Job. Das gibt dir finanzielle Sicherheit, während du Erfahrung sammelst und deinen Kundenstamm aufbaust. Viele unserer Absolventinnen und Absolventen sind Lehrpersonen, Sozialpädagoginnen, Heilpädagogen oder Therapeutinnen, die ADHS-Coaching zunächst als Erweiterung ihres bestehenden Angebots integrieren.
Wichtig beim nebenberuflichen Start: Prüfe deinen Arbeitsvertrag – manche Arbeitgeber verlangen eine Meldung oder Genehmigung für Nebentätigkeiten. Melde dich trotzdem bei der Ausgleichskasse an, sobald du regelmässig Einkünfte erzielst. Und plane realistisch: Zwei Abende pro Woche plus Samstag reichen für 5–8 Klienten. Das sind – bei CHF 150 pro Stunde – CHF 3'000–4'800 pro Monat zusätzlich.
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Lass uns gemeinsam schauen, ob ADHS-Coaching das Richtige für dich ist.
Wie lange dauert es, bis die Praxis voll ist?
Rechne mit 12–18 Monaten, bis du einen stabilen Kundenstamm hast, der dir ein verlässliches Einkommen sichert. In den ersten 6 Monaten arbeitest du vor allem an Sichtbarkeit und Netzwerk. Ab Monat 6–12 kommen zunehmend Empfehlungen. Ab Monat 12–18 entsteht in der Regel ein Selbstläufer-Effekt: Zufriedene Klienten empfehlen dich weiter, Ärzte schicken regelmässig, und dein Name ist in der Region bekannt.
Entscheidend ist: Gib nicht nach 3 Monaten auf, weil noch nicht genug Klienten da sind. Das ist normal. Jeder erfolgreiche Coach hat diese Phase durchgemacht. Nutze die Zeit, um dich weiterzubilden, Netzwerke zu pflegen und an deinem Angebot zu feilen.
Die richtige Haltung: Ressourcenorientiert, auch dir selbst gegenüber
Im CAS-Lehrgang lernst du, ressourcenorientiert mit deinen Klienten zu arbeiten. Wende diese Haltung auch auf dich selbst an. Du musst nicht alles von Anfang an perfekt machen. Du musst nicht die schönste Website haben, die cleverste Social-Media-Strategie oder das ausgefeilteste Angebot. Du musst anfangen. Und dann Schritt für Schritt besser werden.
«Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon. Wenn etwas nicht funktioniert, mach etwas anderes.» Dieser Grundsatz des lösungsorientierten Ansatzes gilt auch für deine Praxisgründung. Probiere aus, was funktioniert. Frag deine Klienten, wie sie dich gefunden haben. Mach mehr von dem, was Klienten bringt – und lass den Rest.

Brauche ich eine Ausbildung?
Rechtlich gesehen: Nein. Der Titel «Coach» ist in der Schweiz nicht geschützt, und grundsätzlich darf sich jede Person so nennen. Aber «dürfen» und «sollen» sind zwei verschiedene Dinge. ADHS-Coaching ist keine Lebensberatung mit ein paar Motivationssprüchen. Du arbeitest mit Menschen, die oft jahrelange Leidensgeschichten mitbringen – Schulschwierigkeiten, Beziehungsabbrüche, Jobverluste, Selbstwertprobleme.
Viele haben Komorbiditäten wie Angststörungen oder Depressionen. Kinder zeigen Verhaltensweisen, die ohne fundiertes Wissen leicht fehlinterpretiert werden. Wenn du in solchen Situationen nicht weisst, was neurobiologisch passiert, wo die Grenze zwischen Coaching und Therapie verläuft oder wie du mit einer Krise umgehst, wirst du dich unsicher fühlen – und deine Klienten werden das spüren. Unsicherheit überträgt sich. Und Menschen, die ohnehin schon schlechte Erfahrungen mit «Fachpersonen» gemacht haben, verdienen jemanden, der weiss, was er oder sie tut.
Eine fundierte Ausbildung gibt dir nicht nur Wissen, sondern auch Sicherheit: die Sicherheit, dass du erkennst, wann ein Kind eine andere Intervention braucht als Coaching. Dass du weisst, wie Medikation wirkt und was du dazu sagen darfst – und was nicht. Dass du Elterngespräche führen kannst, ohne dich in Schuldzuweisungen zu verlieren. Und dass du dich traust, auch bei schwierigen Themen klar und kompetent zu bleiben.
Kurz: Du darfst ohne Ausbildung starten. Aber du wirst es nicht lange tun wollen – weil du spürst, dass dir etwas fehlt. Oder du investierst von Anfang an in eine solide Grundlage und gehst mit dem Gefühl in jede Sitzung, dass du weisst, was du tust.
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