Für die meisten Kinder ist die Pause Erholung. Für viele autistische Kinder ist sie das Gegenteil. Pausen sind laut, chaotisch, sozial komplex und völlig unstrukturiert. Es gibt keine klaren Regeln, keine vorhersehbaren Abläufe, keine zugewiesenen Rollen.

Das Kind muss in Echtzeit navigieren: Wohin gehe ich? Mit wem rede ich? Was mache ich, wenn niemand mit mir spielen will? Wie reagiere ich, wenn jemand etwas sagt, das ich nicht einordnen kann?

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Unstrukturierte Zeit als Auslöser

Der Handlungsleitfaden des niedersächsischen Kultusministeriums beschreibt Pausensituationen als besonders belastend für autistische Kinder. Sie können Auslöser für Meltdowns sein, die dann in der nächsten Unterrichtsstunde auftreten – und von der Lehrkraft nicht mit der Pause in Verbindung gebracht werden.

Was helfen kann

Verbindliche Absprachen zur Pausengestaltung machen einen grossen Unterschied: Darf das Kind in der Bibliothek bleiben? Gibt es einen ruhigen Raum? Kann es eine bestimmte Beschäftigung mitbringen? Manche Kinder profitieren von einem Pausenbuddy – einem Mitschüler, der als feste Ansprechperson dient. Andere brauchen schlicht die Erlaubnis, die Pause anders zu verbringen als die Mehrheit.

Wichtig ist, dass ein Rückzug während der Pause nicht als antisoziales Verhalten gewertet wird, sondern als legitime Regulierungsstrategie.

Wenn die Maske fällt – die unsichtbare Erschöpfung

Viele autistische Kinder betreiben in der Schule sogenanntes Masking – sie beobachten das Verhalten ihrer Mitschüler und imitieren es, um nicht aufzufallen. In der Pause wird diese Anpassungsleistung besonders intensiv: Das Kind lächelt, obwohl es überfordert ist. Es hält Blickkontakt aus, obwohl es schmerzt. Es unterdrückt den Impuls, sich zurückzuziehen oder sich durch Stimming (selbstberuhigende, wiederholende Bewegungen) zu regulieren – weil es gelernt hat, dass sein authentisches Verhalten auf Ablehnung stösst.


Diese ständige Selbstkontrolle kostet enorm viel Energie. Zu Hause, wenn die Haustür zufällt, bricht dann oft alles heraus: Tränen, Wut, totaler Rückzug oder völlige Erschöpfung. Für Eltern wirkt das wie ein Gegensatz – in der Schule läuft es doch gut? Tatsächlich ist es ein Zeichen dafür, dass das Kind den ganzen Tag über Höchstleistung erbracht hat. Das ruhige Kind im Klassenzimmer ist nicht unbedingt das entspannteste – sondern oft dasjenige, das am härtesten kämpft.

Reizüberflutung auf dem Pausenhof

Neben der sozialen Komplexität ist die Pause auch eine sensorische Extremsituation. Nach dem Pausengong bricht oft Chaos aus: Stühle werden gerückt, dutzende Kinder reden gleichzeitig, auf dem Pausenhof wird gerufen, gerannt, geschubst. Dazu kommen Gerüche aus Brotdosen, wechselndes Licht, Wind, unerwartete Berührungen im Gedränge. Für Kinder mit sensorischen Empfindlichkeiten kann diese Flut an Reizen innerhalb weniger Minuten zur Überlastung führen.

Das Tückische: Die Auswirkungen zeigen sich oft zeitversetzt. Ein Kind, das in der Pause sensorisch überreizt wurde, kann in der darauffolgenden Stunde unruhig, gereizt oder völlig abwesend wirken – ohne dass die Lehrkraft den Zusammenhang erkennt. Manche Kinder sperren sich in Toiletten ein, um der Reizflut zu entkommen. Andere entwickeln mit der Zeit eine tiefe Abneigung gegen die Schule insgesamt, weil der Stress der Pausen den gesamten Schultag überschattet. Was als Erholung gedacht ist, wird so zum grössten Energiefresser des Tages.

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Herzlich, deine Marianne